14.03.2022
Es war an der Frauenfriedenskirche. Ich saß bereits einige Minuten auf einer Bank im Park und las ein Buch als sich einige Meter von mir entfernt eine Gruppe Frauen redend und lachend niederließ, um wie es den Anschein hatte, einen Geburtstag zu feiern. Das war mir eine willkommene Abwechslung, zumal mich meine Lektüre zu ermüden begann und ich mir immer einen großen Spaß daraus mache das treiben der Vögel wie der Menschen mit gleicher, angeregter Aufmerksamkeit zu verfolgen und das Treiben um mich herum einzusaugen wie die kühle Frühlingsluft, die an jenem Abend durch den Park Zog. In der Mitte des kleinen Parks spielten Kinder, eines davon schien zu der Geburtstagsgesellschaft zu gehören, zu meiner Rechten fanden sich einige junge Männer zu einer Runde Pétanque ein. Sie sprachen auf Englisch in verschiedenen Akzenten. Sie schienen alle aus verschieden ecken Europas zu kommen.
Ich betrachtete meine Umgebung, warf einen Blick in mein Buch, las zwei Seiten um es dann wieder bei Seite zu legen und observierte ganz als Beobachter das weitere Geschehen im Park. Immer öfter baute ich mit meinem Wandernden Blick kurzen Kontakt mit der Frauengruppe auf, zumal diese direkt vor mir Flanierte und es wesentlich merkwürdiger gewesen wäre, hätte ich versucht überall hin zu schauen, nur nicht nach vorne. Eine der Dame aus der Gruppe viel mir besonders auf. Sie war wesentlich kleiner als die anderen, doch in ihrer Schönheit schien sie die meisten gar zu übertrumpfen. Ich meine unsere Blicke blieben ein oder zweimal aneinander Kleben, doch durch die untergehende Sonne die nun steil auf unsere Gesichert schien war es schwer zu sagen wem der Blick galt. Ich meine auf einmal ein " Sollen wir ihn einladen?" aus der Gruppe gehört zu haben, Gefolgt von einem Kichern und Lachen, das mit steigendem Alkoholkonsum in den letzten Minuten immer häufiger und lauter zu hören war. Ich war mir nicht sicher, ob es ein "Sollen wir ihn …" oder ein "Sollen wir sie …" gewesen war, denn die Gruppe von Pétanque Spielern schien mir ein viel trefflicheres Match für die Damen, zumal sie die gleiche Anzahl an Personen waren und wie die Damen auch, nicht unattraktiv gewesen sind.
Hätte ich in letzter Zeit nicht so viele, ernüchternde Erfahrungen mit Weiblichen Bekanntschaften gemacht, wäre es mir womöglich ein leichtes gewesen, aufzustehen, hinüber zu gehen und ein Gespräch anzufangen um es selbst heraus zu finden. Doch mein Psychischer zustand ließ sich in jenen Tagen mit nichts anderem als einer Depression beschreiben, die unter noch mehr Rückschlägen ein nur noch größeres Ausmaß angenommen hätte. Ich tat also so als hätte ich nichts gehört und Gott weiß, selbst unter Alkoholeinfluss bringen es die aller meisten Damen nicht zu Stande über ihren Schatten zu springen und ein Repräsentant der Emanzipation zu sein, den sie selbst ständig einfordern. So vergingen die nächsten Minuten und Stunden ohne das etwas Erwähnenswertes geschah, bis sich die Gruppe mit untergehender Sonne schließlich aufzulösen begann.
Auch für mich war es an der Zeit meine Sachen zu packen, zumal das Licht kaum noch zum Lesen ausreichte. Ich ging also zur nahegelegenen Tram Station. Dort erkannte ich schon von weitem, die kleine, feine Dame aus der Geburtstagsgesellschaft. Ich dachte mir "Na so ein Zufall." Und als jemand der gerne an Schicksaal glaubt, wenn es ihm gerade in die Karten Spielt, überlegte ich mir einen Eisbrecher, während ich mich ihr nährte. Es war mir wichtig sie nicht von hinten anzusprechen. Aus Erfahrung weiß ich, dass es keinen guten ersten Eindruck hinterlässt, wenn sich die Frau erschreckt, weil Mann sie dumm von hinten anquatscht. Zumal fiel mir auf Anhieb kein besserer "Eisbrecher" ein als ein "Hey ich habe dich im Park beobachtet..." und dass hätte in jener Situation sicher mit Pfefferspray in meinem Gesicht geendet. Noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende führen konnte, fuhr die Tram ein, welche einen Strich durch meine Rechnung machte. Ich glaube sie hat mich bemerkt als wir beide in die Tram stiegen, durch die Maske war aber schwer zu sagen mit welcher Konnotation sie meine Erscheinung verband. In der Bahn stand ich setzte ich mich hin, stand wieder auf um zu ihr zu gen und sie anzusprechen, doch dann viel mir auf wie dumm mein Eisbrecher war und ich setzte mich wieder. Genug hin und her um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Die nächste Station musste ich aussteigen und als die Tram langsam ins halten kam, stand auch sie auf. Ich ging extra zu einer anderen Tür um ihr nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken, denn langsam fühlte ich mich wie ein Stalker. An der roten Ampel standen wir kurz nebeneinander. Ich fühle mich inzwischen viel zu unwohl um sie anzureden. Dann schaltete die Ampel auf Grün, genau in dem Augenblick als der Bus auf der anderen Seite der Ampel einfuhr, den ich nehmen muss. Ich begann schneller zu laufen als ich bemerkte, dass auch sie anfing zu rennen. Ihr Bus war auch mein Bus. An diesem Punkt hatte sie mich definitiv mehr als nur einmal bemerkt, mein Bauchgefühl sagte mir jedoch, dass ich mehr als Bedrohung als was anderes wahrgenommen wurde und so fühlte ich mich auch, als ich ihr hinterher ging um in meinem Bus zu kommen. Absurd, denn ich verfolgte doch keinerlei böse Absichten und trotzdem fühlte ich mich wie irgendein Stalker. Inzwischen wollte ich einfach nur noch nach Hause. Dieses Gefühl verwirrte mich dermaßen, dass ich mich dazu entschloss umzudrehen und meinen Bus zu verpassen. Ich verweilte kurz um selbst zu rekapitulieren was mich genau zu dieser Entscheidung bewegt hatte, beschloss dieses Ereignis einfach zu verdrängen als länger darüber nachzudenken, steckte meine Köpfe ins Ohr und lief die nächsten 30 Minuten nach Hause.